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Spannende Sinnsuche auf dem Pegnitzer Schlossberg

IMGP0122ADie Faust-Festspiele Pegnitz haben begonnen. Hier lesen Sie die Premierenkritik von Hans von Draminski, die in den lokalen Medien erschienen ist:

Umjubelte Premiere: Faust-Festspiele Pegnitz zeigen erstmals Johann Wolfgang von Goethes "Faust" als Freilichttheater - 17.07.2017 15:38 Uhr

PEGNITZ - Nun geht er in Pegnitz auf Sinnsuche: Am Wochenende feierten die neuen Faust-Festspiele auf der Freilichtbühne am Schlossberg Premiere – eine gelungene Inszenierung, die gleichwohl mehr Zuschauer verdient hätte.

Das Pegnitzer Publikum sei scheu, es brauche ein wenig Zeit, um mit einem neuen Angebot wie den Faust-Festspielen warm zu werden, meinte Festspiel-Intendant und Faust-Darsteller Daniel Leistner zum Auftakt augenzwinkernd. Eine betont humorige Umschreibung des Umstands, dass der auf unter anderthalb launige Theaterstunden komprimierte Festspiel-Faust vor nur mäßig gefüllten Zuschauer-Tribünen gespielt wurde: Um die 350 Menschen wollten "Der Tragödie ersten Teil" in der durchaus sinnreich gekürzten Leistner-Fassung sehen.

"Theater wie Kino" hatten die Macher vorab versprochen. Und das Konzept geht durchaus auf, weil der Pegnitzer Faust den Fokus sehr bewusst auf das Drama lenkt, die (auf einer Freilichtbühne sowieso grenzwertigen) philosophischen Gedankenspiele Goethes weitgehend außen vor lässt und auf ein Ensemble setzt, das seine Rollen mit Herzblut und Verve verkörpert.

Daniel Leistner in der Titelrolle ist der nicht übermäßig zergrübelte Prototyp eines modernen Menschen, der gerade aufgrund seines vergleichsweise umfassenden Wissens die Sinnhaftigkeit des eigenen Daseins hinterfragt, der hinter die Dinge sehen will, ihre Mechanik zu ergründen versucht.

Mithin ein ideales Opfer, um dessen Seele Gott und Teufel eine zynische Wette eingehen: Der Satan darf das Projekt angehen, Faust mit allerlei Versuchungen zu verführen, Gott vertraut auf die Stabilität seiner Schöpfung. Und weil Faust auch nur ein Mann ist, treibt ihm Unterteufel Mephisto das junge Gretchen in die Arme, auf dass der gealterte Wissenschaftler Faust sich wieder jung fühlen und den letzten Rest moralischer Skrupel über Bord werfen möge.

Der Mephisto war seit jeher eine Paraderolle für Schauspieler, die einmal nach Herzenslust böse und zynisch sein wollten. Uwe Vogel gelingt es, der ambivalenten Satans-Schablone selbst in der von den Dialogen her stark eingedampften Festspiel-Version eine Vielzahl von Facetten mitzugeben und damit Goethes ursprüngliche Vision wiederzubeleben: Die andere Seite mag einen Gegenentwurf zum christlichen Ideal darstellen – aber das Böse ist nicht monochrom, nicht in simple Schwarz-Weiß-Begrifflichkeiten zu fassen. Letztlich sind es die all zu menschlichen Schwächen, die Mephisto eine Angriffsfläche bieten. Uwe Vogel legt ihn folgerichtig als schrillen Spötter an, der mal öliger Frauenversteher ist und mal athletischer Schwertkämpfer. Ein düsterer Held, bei dem man sich nicht sonderlich anstrengen muss, um eine gewisse Sympathie für ihn zu entwickeln. Und über seine oft nur zu wahren Bosheiten, seine überzeichnete Eitelkeit und seine pointensicheren Sprüche in schallendes Gelächter auszubrechen.

Wenn schon umgedeutet, umgewichtet, uminterpretiert wird, muss sich auch Gretchen eine Hinterfragung ihres Charakter-Klischees gefallen lassen. Caroline Horn zeichnet das Bild einer jungen Frau, die zu Beginn vielleicht ein wenig naiv, aber gewiss keine unbedarfte "Unschuld vom Lande" ist. Erstaunlich bereitwillig lässt sie sich mit dem virilen Faust ein, der für sie das Versprechen eines Luxuslebens ebenso verkörpert wie den Ausbruch aus der spießbürgerlichen Existenz. Dass der von ihr mit einem gewissen Pragmatismus geliebte Mann sie hintergeht, dass Gretchens Mutter und Bruder seinetwegen sterben und er zudem die Schwangere sitzen lässt, treibt sie in den Wahnsinn und zeigt damit, wie fragil ihre Verankerung in Glaube und Religion tatsächlich war.

Erst als das Ende unausweichlich ist und der Henker schon wartet, besinnt sich Gretchen – und verprügelt den Verführer Faust, der lernen muss, dass er auch mit dem Teufel auf seiner Seite nicht alles haben kann. Die Kontrastfolie für diesen tatsächlich auf filmreifes Format kondensierten Faust bildet eine aus einheimischen Kräften rekrutierte Statistenriege, die das einfache ländliche Leben besser abzubilden vermag, als dies Schauspielprofis gelingen würde. Das gibt dem rasanten Spiel Glaubwürdigkeit und Farbe. Besser kann man den Zugang zu den Klassikern der deutschen Literatur kaum gestalten.

Weitere Vorstellungen bis Anfang September, Termininfo unter www.faust-festspiele-pegnitz.de